Motorrad-Marken


Gedanken zur Kawasaki Z900 "Z1" von Franz Josef "FJS" Schermer
Ein Bericht aus dem Jahr 1995


Von Menschen und Mythen


Ich bin jetzt 48 Jahre alt und lebe jeden Tag meines Lebens sehr bewusst.
Denn ich bin einer von den Motorradfahrern, der fährt, weil er will, selbst dann,
wenn er irgendwohin muss. Dann will ich eben dahin wollen, wo andere sagen
"ich muss dahin" und sich mit dem Auto von A nach B quälen. 1973 als Testassi
bei "Das MOTORRAD" musste ich nicht mit Klacks zum Nürburgring, ich wollte.
Die Magie der Grünen Hölle hatte mich längst vor 1972, also dem Jahr,
als ich dem Ruf nach Stuttgart gefolgt war, gefangen genommen.

Fotos: Winni Scheibe, Kawasaki



Nürburgring-Gedenkfahrt: "FJS" auf der "Z1"


Was hatte ich da oben in der Eifel nicht schon alles erlebt: 1965 mein erstes Rennen auf der Südschleife, ich fuhr eine selbstgebaute 50er Hercules; Agostinis grandiose Siege mit der MV; unvergessene Namen wie Bill Ivy, Phil Read, Jim Redman, Mike „The Bike“ Hailwood, Fath/Kalauch, Jarno Saarinnen und wie sie alle heißen, die Helden meiner Motorrad-Jugend.
Und damals durfte ich am Ring testen, durfte mit zum Test der Kawasaki Z900 Z1, der schnellsten Serienmaschine der Welt. Mit allem Respekt vor den Geistern der Burg, die hoch droben über Start und Ziel über den Nürburgring wachen, machte ich mich über die Testarbeit her. Ich wollte testen, ich wollte arbeiten, ich wollte mit der Kawasaki Z900 "Z1" die Nürburgring-Nordschleife bezwingen.



Ur-Z1 von 1972
Kawasaki-Werksbild



Ring-Romanze: Kawasaki Ur-"Z1" und Zephyr 1100 von 1995


Und nun, Mitte 1995 beschlich mich ein ähnliches Gefühl, als mein Freund und Mitarbeiter Winni Scheibe eine Sache anleierte, die ziemlich viel Vorarbeit erforderte und letztlich dann doch so klappte, weil Winni das Ding so und nicht anders machen wollte: Eine Kawasaki Z900 von 1973 und eine neue Kawasaki Zephyr 1100 von heute sollten zum Nürburgringtest antreten, ich sollte sie fahren. Und danach bei Mutter Rieder ein, zwei Bier trinken, eine Roulade essen, ein, zwei weitere Bier trinken, einen Eifelgeist dazu und viel schwätzen dabei. Über Motorräder und den Nürburgring.
Dann also kam der 4. Oktober 1995. Der Nürburgring lag im schönsten Herbstlicht, die Kawas waren da und Winni auch. Ich grüßte die Geister und machte mich an die Arbeit. Sieben Runden bin ich gefahren mit der Kawasaki Z900, also fast 150 Kilometer. Es waren sehr, sehr schöne Runden, sehr zügig und doch mit einer gehörigen Portion Gemütlichkeit verbunden, denn es ging ja um nix: keine Lichtschranke, keine Stoppuhr, nur ein Mikro im Helm. Zwei Runden bin ich mit dem Vollhelm gefahren (wegen dem Mikro), die anderen fünf Test- und Fotorunden zuvor mit meinem alten Cromwell aus den 1970ern und der fast ebenso alten Baruffaldi-Brille.



Franz im Glück

Dass der alte schwarze Harro-Zweiteiler keine Rückenprotektoren hatte, ich auf den Rückenschutz und die neuen Daytona-Rennstiefel mit dem Kevlar-Innenschuh verzichtete und meine Backen im Fahrtwind geflattert haben, hat mir keinen einzigen Meter Unsicherheit gegeben. Im Gegenteil, das Backenflattern brachte mir ein gutes Stück dessen zurück, was ich in den heutigen Vollhelmen immer so vermisse: Das Gefühl für den Wind im Gesicht, und die Genüsse, die der Fahrtwind in einer frei darin schnuppernden Nase bringt.



Schöne Aussicht: Testfahrt über die Nordschleife des Nürburgrings in der Eifel


Abends gab mir Winni mit glänzenden Augen einen großen Umschlag: "Für dich", sagte er knapp und hatte dabei einen Kloß im Hals. Es war ein Buch drin, Winnis erstes Buch, das er geschrieben hat: MÜNCH - Die Lengende Friedel Münch und seine Motorräder. Noch vor dem ersten Bier bei Mutter Rieder war ich so vertieft darin,  dass ich beinahe die Bestellung der Roulade bei Rieders vergessen hätte.
Mir wurde auf einen Schlag klar, was eine Legende ist: Menschen wie Friedel Münch, die keine Angst vor der Technik haben, sondern sich diese zunutze machen, um ihre Träume von Unabhängigkeit und Freiheit zu leben. Um etwas zu schaffen für sich alleine. Wenn das dann auch noch kommerziell erfolgreich wird, auch unabhängiger zu werden von den ganz banalen Zwängen des Lebens, vom Essen und Trinken und Wohnen müssen, dann ist das die Krönung des Lebens.
Friedel Münch ist eine Legende. Finanziell unabhängig wurde er zwar nicht, aber er lebt und hat etwas Bleibendes geschaffen, mit seinem Geist und seinen Händen. Ich glaube, dass Friedel Münch im Grunde seines Herzens glücklicher ist mit dem, was er geschaffen hat, als einer, der Kohle hat ohne Ende, vielleicht sogar noch geerbt, und der es zum Beispiel mit einem Ferrari F40 der ganzen Welt zeigen muss.
Auch die Kawasaki Z900 "Z1" ist eine Legende. Sicherlich war sie für die Firma, die sie auf den Markt gebracht hat, ein finanzieller Erfolg. Aber sie ist ehrlich, der Fahrer spürt auf ihr, wo er ist und wie die Straße beschaffen ist. Und sie sagt, wann Ende ist mit der Kurvengeschwindigkeit, sie beginnt rechtzeitig zu wackeln und warnt ihren Fahrer somit, lässt ihn nicht durch ein scheinbar sicheres Fahrwerk ins Verderben rennen.
Man muss im Leben lernen, Menschen und Maschinen zu verstehen. Helfen kann der Wind dabei, der einem um die Nase weht, wenn man es der Nase gestattet, vom Wind umweht zu werden. Wenn man einen offenen Helm auf hat, einen Cromwell zum Beispiel, und eine Kawasaki Z1 fährt, auf dem Nürburgring zum Beispiel, denn auch der Ring ist eine Legende, eine, wie sie die Grand Prix-Schleife nebenan niemals werden kann, weil sie so ist, wie sie ist, zeitgemäß eben, den heutigen Ansprüchen angepasst: In Sachen Sicherheit, Streckenverlauf, Boxenanlagen und damit auch der Größe des Fahrerlagers - nur den Zuschauer hat man vergessen, sein Feeling, sein Bedürfnis nach dem Erleben von Kraft, Mut und Geschwindigkeit. Aber das ist eine andere Geschichte.
Mir ist aber auch klar geworden, wie sich der Mythos Kawasaki Z900 "Z1" begründet und bis heute gehalten hat: Etwas, das man einmal erlebt und als richtig gut in Erinnerung behält, das wird für immer und ewig gut bleiben: auch dann, wenn sich die Zeit und damit die Anforderungen des Menschen an die Technik geändert haben. Das einmal als gut Erlebte wird sich niemals ins Schlechte verändern, sondern für immer gut bleiben.


Mythen und Legende:
Kawasaki Z 900 "Z1"

Kawasaki Z900 "Z1"


Text-Archiv: Kawasaki Klassiker


Home