Sport


Honda-Werksfahrer Luigi Taveri
 125er Weltmeister 1962, 1964 und 1966

Der Schweizer Perfektionist

Wer zwischen 1954 und 1966 drei Weltmeistertitel im Motorradrennsport errungen hat, in dieser Zeit auch noch fünf mal Vizeweltmeister geworden ist und weitere sechsmal WM-Dritter, den darf man ruhigen Gewissens zu den Legenden des Rennsports zählen, was ja in der Umschreibung so vielwie Heiliger bedeutet. Von wem hier die Rede ist? Von keinem Geringeren als dem Schweizer Luigi Taveri.

Text: Rolf Eggersdorfer
Fotos: Archiv-Eggersdorfer, Archiv-Lambert


Luigi Taveri

Die Popularität des kleinen Schweizers ist dabei so groß, als hätte er erst gestern sein letztes großes WM-Rennen gewonnen. Selbstverständlich, dass man da als Außenstehender bei so viel Wertschätzung eines Fahrers "Ursachenforschung" betreibt. Dabei wurde immer von seinen Rennfahrerkollegen sein absolut faires Verhalten auf und neben der Rennbahn genannt, sowie seine Kameradschaft auch gegenüber seinen weniger talentierten und erfolgreichen Rennkollegen. Zwei Eigenschaften, die man, besonders in der heutigen Zeit, oft vergeblich sucht.
Seine Rennkarriere begann er 1947 beim Großen Preis von Europa in Bern im Seitenwagen seines älteren Bruder Hans. Weil noch nicht 18-jährig brauchte er dazu eine Sondergenehmigung, die er auch erhielt. Der Erfolg blieb aber aus. Der Rennbazillus hatte sich allerdings fortan bei ihm eingenistet. Er beteiligte sich nun an allen möglichen Veranstaltungen, wie Sandbahn-, Grasbahn- und auch Betonbahnrennen, die Hauptsache es war schnell.


(Foto: Archiv-Lambert)


Vermutlich war es diese vielseitige "Ausbildung", die ihm in seiner späteren Laufbahn sehr nützlich war. Auf dem Bild sehen wir mit der 26 das Gespann Haldemann/Taveri beim GP der Schweiz 1954 in Bern. Sie schicken sich gerade an, die vor ihnen fahrenden Landsleute Reichlin/Lambert zu überrunden. Am Ende erreichten Hans Haldemann und Luigi Taveri den sechsten Rang, wofür es einen WM-Punkt gab. Damit ist Luigi Taveri der absolut einzige Fahrer in der WM-Geschichte, der in allen gefahrenen Klassen von 50 ccm bis 500 ccm und bei den Seitenwagen wenigstens einen WM-Punkt erreicht hat. Der im Gespann von Reichlin tätige Claude Lambert bestritt hier übrigens seinen allerersten GP und war dann später auch als Fahrer erfolgreich.

Bei der gleichen Veranstaltung belegte Luigi Taveri auch einen exzellenten vierten Platz in der Viertelliterklasse. Keine Frage, die Grand Prix Laufbahn des Schweizers "hatte Fahrt aufgenommen" und bei den italienischen Rennställen war man auf ihn aufmerksam geworden.



Luigi Taveri auf MV Agusta


Als erstes erhielt er eine Einladung von MV Agusta. Er fuhr dort im Probeeinsatz sogar deren Halblitermaschine, sogar zur Zufriedenheit vom Chef, dem Conte Agusta. Eigentlich war es aber logisch, dass man den Schweizer wegen seiner Statur eher für die kleinen Klassen eingeplant hatte (siehe Foto oben). Bei MV Agusta blieb Luigi Taveri bis zum Jahr 1957.
Die nachlassenden Verkaufszahlen in der Motorradindustrie zugunsten der Autohersteller zwangen weltweit die Motorradhersteller ihre Rennsportaktivitäten zurückzufahren, respektive sich ganz vom Rennsport zu verabschieden. Was Ende Saison 1954 die deutschen Produzenten NSU und DKW vorgemacht hatten, war 1957 nun auch auf das zweiradbegeisterte Italien übergeschwappt. Gilera und Moto-Guzzi stellten ihre Rennbeteiligung ein, und auch die noch beteiligten MV Agusta, sowie die aufkommenden Ducatis beteiligten sich nicht mit "Geld ohne Ende" am Rennsport.

 

Taveri vor Ubbiali und Provini So richtig zufrieden mit der Rolle als "Abschirmer" für die Italien-Stars konnte Luigi Taveri bei MV Agusta ohnehin nicht mehr sein, da er sein oberstes Ziel, die Erringung der WM-Krone, nie aus den Augen verlor. Also kam ihm ein Angebot von Ducati gerade recht. Aber dort hatte sich schon ein gewisser Alberto Gandossi etabliert. Als Kenner der italienischen Mentalität wusste er natürlich sofort, woher künftig der Wind wehen wird. In einigen Situationen zeigte er sogar, dass der Taveri noch lange nicht am Ende seiner Möglichkeiten war. Auf dem Bild oben links mit der 8 sieht man, wie er in Assen den Super-Stars aus Italien Ubbiali und Provini zeigt, wie man als Schweizer Motorrad fährt. Die Situation, dass mit der Ducati nur Starts in einer Klasse möglich waren, konnte den Horgener, der gerne mehrere Klassen gefahren wäre, auch nicht gerade gefallen. Wie sagt man doch so schön: "das Gelbe vom Ei" war es auch bei Ducati nicht.
Taveri auf einer Norton Wann immer sich eine Möglichkeit bot, startete Luigi Taveri bei den nicht zur Weltmeisterschaft zählenden sogenannten "Interrennen". Diese Startfelder waren nahezu überall mit den besten Privatfahrern jener Zeit bestückt, die sich natürlich dabei für die wenigen zur Verfügung stehenden Plätze in den Werksteams empfehlen wollten. Das war auch 1958 am Sachsenring, damals noch keine WM-Veranstaltung, der Fall. In der 350 ccm Klasse beteiligte sich auch Luigi Taveri mit seiner privaten Norton am Rennen und gewann mit mehr als einer halben Minute Vorsprung. Einige Fahrer munkelten, dass im Motor von Taveris Norton wohl ein paar ccm mehr drin sind als die erlaubten 350 ccm. Kurz und gut, der Hubraum war korrekt und Taveri meinte dazu nur: "einige Herren sollten sich vielleicht mal besser in den Kurven aufstellen und beobachten, wo man die Zeit heraus holt".


Taveri mit der MZ Inzwischen war auch in der Szene bekannt geworden, dass man im ostdeutschen Zschopau verdammt schnelle Rennmaschinen baut. Zweitakter, die allerdings noch nicht über die erforderliche Standfestigkeit verfügten. Dazu kam dann noch der chronische Devisenmangel, der eine noch schnellere Weiterentwicklung und Verpflichtung von Weltstars auf Dauer verhinderte. Luigi Taveri fuhr mit den Zschopauern einige Rennen (rechtes Foto), die durchaus erfolgversprechend verliefen. Allerdings war voraus zu sehen, eine Ehe auf Dauer, wie auch bei anderen Spitzenfahrern, konnte das aus finanziellen Gründen nicht werden.
Taveri mit Ernst Weiss Nebenstehendes Foto, als Luigi Taveri seinem ausgefallenen Landsmann Ernst Weiss hilft, dessen defekte Norton ein kleines Berganstück schieben zu helfen, verdeutlicht ein wenig die schon eingangs einmal erwähnte Popularität und Hilfsbereitschaft des Weltstars Taveri gegenüber seinen weniger bekannten Rennfahrerkollegen. Vielleicht war das eine für damalige Zeit durchaus übliche Aktion, aber es verdeutlicht auch, wie auch Mike Hailwood mehrfach zeigte, dass diese Kollegialität untereinander nicht die schlechteste Zeiterscheinung war.

1960 folgte dann nach meiner Meinung ein kleiner Knick in des Schweizers Karriere, als er erneut bei MV Agusta tätig war, aber er blieb zumindest im Gespräch. 1961 dann, er hatte immerhin die Dreißig bereits überschritten, begann dann seine zweifelsohne erfolgreichste Zeit. Honda, Japans erfolgreichste Motorradmarke, schickte sich an, auch in der Rennszene Fuß zu fassen. Was sie mit Taveri am Startersten Starts 1959 auf der Isle of Man begonnen hatten, setzten sie mit japanischer Grüdlichkeit fort. Sie zeigten, dass sie im Streben nach Erfolg durchaus auch bereit waren, nicht nur auf eigene Talente wie Takahashi, Tanaka und Co. zu bauen, sondern auch das Können und die Erfahrung bereits etablierter Fahrer zu nutzen. Auch Taveris großes Können blieb ihnen natürlich nicht verborgen. Auf dem rechten Foto sehen Sie die erste Startreihe beim Sachsenring GP 1961 mit (von links) Degner, Taveri, Musiol und Takahashi. Zwar war Luigi Taveri 1961 noch kein vollständiger Werksfahrer, aber seine Leistungen überzeugten die Herren in Fernost dermaßen, dass er ab 1962 bis zum Karriereende 1966 in Hondas Diensten stand. Luigi Taveris drei Weltmeistertitel fallen in diese Zeit - 1962, 1964 und 1966. Fällt ihnen etwas auf? Es waren allesamt gerade Jahreszahlen.

 

Volle Konzentration am Start mit Rennleiter Reg Armstrong aus Irland. Am Rennende war es Luigi Taveris erster WM-Titel und in voller Fahrt mit einer Honda. 1966 gab er dann, mit 37 Jahren, seinen Rücktritt vom Rennsport bekannt. Seine Popularität dagegen hat die folgenden vier Jahrzehnte bis zum heutigen Tag schadlos überstanden und wenn die Rennsportfreunde den kleinen Schweizer und seine Gattin - ihre "Goldene Hochzeit" haben Sie schon hinter sich - gelegentlich bei historischen Rennveranstaltungen, er sogar auf dem Motorrad, zu Gesicht bekommen, dann geraten nicht nur die Älteren unter den Fans ins Schwärmen und das bekannte "Gänsehautgefühl" bemächtigt sich der Anwesenden.

Taveri mit Gattin Zum Schluss meines Berichts über den Schweizer Weltstar noch ein Bericht über eine kurze Begegnung mit Luigi Taveri und dessen hübscher und netter Ehefrau, die ich 1962 hatte und an die ich wohl mein Leben lang denken werde.
1962 spielte ich wettkampfmäßig auf unterer Ebene Tischtennis und hatte auch eine Brieffreundschaft mit einem Schweizer Mädchen aus St. Gallen. Bei unserer Korrespondenz fragte sie mich einmal, ob ich vielleicht einen kleinen Wunsch habe, welchen sie mir gerne erfüllen möchte. Ich hatte und bat sie um einen Tischtennisschläger. Das Problem dabei, der Postweg in die DDR war in jener Zeit, insbesondere bei Päckchen, sehr unsicher und auch der Zoll dafür recht hoch. Ich schrieb zu ihr, sie möchte doch bitte den Tischtennisschläger an Herrn Taveri senden und Herrn Taveri habe ich gebeten, diesen Tischtennisschläger doch bitte mit zum bevorstehenden Sachsenringrennen zu bringen, wo ich ihn dann im Fahrerlager bei ihm abholen würde. Kurz und gut, ich verschaffte mir dann, wie immer, auf mehr oder weniger abenteuerliche Weise Zutritt zum Fahrerlager. Alsbald sah ich auch die Taveris, stellte mich vor und fragte, ob das mit dem Sportgerät für mich geklappt hat. Es hatte, und Taveris baten mich, den Tischtennisschläger am Abend bei ihnen im Hotel Chemnitzer Hof abzuholen. Sie nahmen sich auch noch die Zeit, mit mir ein paar Worte zu wechseln und stellten sich auch noch für ein gemeinsames Foto zur Verfügung. Ein Bild, zusammen mit einem Weltstar und dann noch am Abend die "Übergabe" des Sportgerätes in Taveris Hotelzimmer - das Sachsenringrennen 1962 wurde für mich zum unvergesslichen Erlebnis und was mich ebenso freute, auch für die Taveris, denn nach dem Rennen der Achtelliterklasse stand er bereits vorzeitig als Weltmeister fest, sein erster Titelgewinn.
Als kleine Nachbetrachtung: besagter Tischtennisschläger aus japanischer Produktion konnte meine Leistung leider auch nicht verbessern. Mir fehlte offenbar schlicht und einfach das entsprechend notwendige Talent.


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