Fahrberichte


Kawasaki Ninja ZX-10R
Modelljahr 2005

Asphalt-Brenner

 

Die Speedfraktion hat keinen Grund zum Jammern. 
Die Performance aktueller Sportbikes liegt bei rund 180 PS 
und fast 300 Stundenkilometern. Und das bei einem Fahrzeuggewicht
von nur 200 Kilogramm. Gemeint sind jedoch nicht die sündhaft teuren Werksrennmaschinen in der MotoGP, sondern Straßenmaschinen, die es für
schlappe 13.000 € im Laden zu kaufen gibt. Christiane ist begeisterter
MotoGP-Fan, bewundert Valentino Rossi, drückt aber auch unserem
Kawasaki GP-Star Alex Hofmann die Daumen. Für uns hat sie aus der Sicht
einer ganz normalen Bikerin die Kawasaki ZX-10R ausprobiert.

Text: Winni Scheibe
Fotos: Scheibe, Archiv-Kawasaki, Archiv-Honda



Ruhe vor dem Sturm. Noch weiß Christiane nicht, was auf sie zukommt...


Von Motorradtestern wird ein klares Wort erwartet. Der interessierte Leser möchte schließlich wissen, was das gute Stück taugt und ob es überhaupt sein Geld wert ist. Beim Testen gibt es jedoch Unterschiede. Lifestyle-Maschinen, wie beispielsweise Chopper und Cruiser, wird kein Tester einer Rennstrecken-Prüfung unterziehen. Bei diesen Maschinen zählt das Fahr- und Lebensgefühl, Genießen und Erleben stehen bei den Betrachtungen im Vordergrund. Ganz anders bei den Sportmaschinen. Allen vorweg den aktuellen Superbikes. Das sind käufliche "Road-Racer" mit ganz offizieller Straßenzulassung, mit denen man vor ein paar Jahren, mit dem entsprechenden Fahrkönnen versteht sich, spielend Weltmeister hätte werden können. 


Die Kawasaki ZX-10R gehört zu den besten Superbikes der Welt


Rennstreckentest der Kawasaki Ninja ZX-10R
(Foto: Archiv-Kawasaki)


Nehmen wir die Kawasaki ZX-10R.  Um dieser Maschine gehörig auf den Zahn zu fühlen wird ein Rennkurs gemietet und in einem fest vorgegebenen Testprogramm der Kandidat geprüft. Hierbei geht es um das Handling, Spurstabilität, Bremsdosierung, Bremsverhalten, Beschleunigungsvermögen, Zielgenauigkeit, Kurvenstabilität, Kurvengeschwindigkeit, Reifengrip, Durchzug und Höchstgeschwindigkeit. Die Qualität des Testaspiranten zeigen die Rundenzeiten. Will man wissen, wie gut die Maschine aber tatsächlich ist, wird sie mit Bikes von der Konkurrenz verglichen. Und will man die Sache besonders gut machen, wird ohne Rücksicht auf Kosten und Mühen ein echter Rennfahrer eingeflogen. 



Die Kawasaki ZX-10R fährt allen auf und davon
(Foto: Archiv-Kawasaki)


Der Profi schraubt die Rundenzeit dann noch einmal um ein bis zwei Sekunden tiefer und mit welcher Maschine er am Schluss die schnellste Zeit erreicht hat, ist der Testsieger. Dokumentiert wird das Ganze in Daten, Fakten und in besagter  Rundenzeit in Sekunden mit drei Stellen hinter dem Komma. Das ist der Stoff, den die Speedfraktion für ihre Diskussionen am Stammtisch und beim Motorradtreff braucht. Ihr Kawasaki hat aber nicht nur diesen "Super-Speed-Power-Test" gewonnen, in anderen namhaften Fachzeitschriften lassen  sich ähnliche Test-Erfolge nachlesen, dem gibt es nichts mehr hinzuzufügen. So PS-freizügig ging es jedoch nicht immer zu. 


Bei uns galt bis 1998 das "100 PS Gentlemen`s Agreement"


Honda CBX 1000 von 1978


Motorräder sind zu laut, zu stark, zu schnell und natürlich viel zu gefährlich. Was da alles passieren kann! Mein Gott. Die Teufelskerle auf ihren Feuerstühlen sehen das  allerdings ganz anders. Hubraum und Leistung kann ihnen nie genug sein und ein bisschen schneller, bitte schön, darf es auch sein. Für die Industrie kein Problem, flugs werden da noch ein paar Briketts nachgeschoben. 
Angefangen hat der Leistungsfetischismus, sagen wir einfach mal,  Mitte der siebziger Jahre. Im gegenseitigen Wettrüsten überboten sich die vier japanischen Hersteller von Jahr zu Jahr. Gut 90 PS und über 200 Stundenkilometer Spitze gehörten vor 30 Jahren bald zum guten Ton. Doch das war erst der Anfang. 1978 brachte Honda die sensationelle CBX 1000 auf den Markt. Das Sechszylinder-Bike leistete 105 PS und war 225 Stundenkilometer schnell. So etwas hatte die Welt bis dahin noch nicht gesehen. Eine "Rennmaschine" für jedermann,
nur 11.262 Mark teuer und im Honda-Geschäft um die Ecke zu haben.



Exklusiv und Super-Sexy: Honda CBX 1000
(Foto: Honda)


Der Atem stand aber nur einen kurzen Moment still. Auf der IFMA im Herbst 1978 in Köln präsentierte Kawasaki die Z1300. In jeder Hinsicht übertraf der fernöstliche Koloss die Honda CBX. Der Sechszylinder-Reihenmotor von der Z1300 war wassergekühlt, der Hubraum betrug exakt 1286 ccm, die Leistung lag bei 120 PS, das Big-Bike war gewaltige  318 kg schwer und lief 220 Stundenkilometer. 




Kawasaki Z1300



Doch die beiden japanischen Hersteller hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Fachkundige Sicherheitsexperten meldeten sich bei uns sofort zu Worte. "Schwarz auf weiß" könnten sie belegen, dass Motorräder, wenn sie mehr als 100 PS Leistung hätten, viel zu gefährlich wären. Auch verdichtete sich das Gerücht, dass die Bundesregierung beabsichtigte, demnächst nur noch Maschinen mit maximal 75 PS zuzulassen. Schöne Aussichten! Ab mit den tollen Bikes ins Museum oder was? Damit es aber erst gar nicht so weit kommen könne, trafen sich ganz schnell Sachverständige, Experten, Politiker, Hersteller und Importeure und vereinbarten ein Leistungs-Limit von 100 PS. Motorräder mit mehr Kraft unter dem Tank sollen in Zukunft speziell für den deutschen Markt auf die vereinbarte Leistungsgrenze von 100 PS gedrosselt werden. Ein "Gentlemen`s Agreement", das bis 1998 gelten sollte.


Christianes Probefahrt
"Mit der Kawasaki ZX-10R im wirklichen Leben"

Inzwischen sind wir im Jahr 2005 gelandet. Die Welt dreht sich immer noch
und es gibt tatsächlich auch noch Menschen, die Motorrad fahren. 
Der Zweiradbestand ist bei uns mittlerweile auf weit über 5,5 Millionen
Fahrzeuge geklettert, über 400.000 Frauen fahren selbst ein Bike  und die Motorradunfälle nehmen von Jahr zu Jahr abDabei leisten selbst 600er
Mittelklasse-Sportler längst 120 PS. Die Superbikes schöpfen bis zu 180 PS
aus 1000 Kubik Hubraum, wiegen um die 200 kg und laufen, auch
ohne Rückenwind, gut 300 Sachen.Genau wie richtige Rennmaschinen. 


Racer für die Landstraße...


"Der Zweck"
GP-Racer oder Straßenflitzer?

Im wirklichen Leben sieht die Sache aber ganz anders aus. Die Wenigsten kaufen sich ein Bike vom Schlag der Kawasaki ZX-10R nur für den Spaß auf der Rennstrecke.  Sie fahren damit nach Feierabend oder am Wochenende spazieren, oder mit Freunden in der Gruppe zu einer Rennveranstaltung oder gar mit der Freundin als Sozia in den Urlaub. Oder wie Christiane, die eben mal die ZX-10R ausprobieren möchte. Und, was wir hier gleich verraten, sich auch eine kaufen würde. 



"... Racer mit Lampe...

"Die ZX-10R ist ein ganz tolles Bike. 
Fast schon wie eine echte Rennmaschine, was jedenfalls die Fahrleistungen versprechen. Doch der Brenner hat eine Lampe, Blinker, Nummernschild und Rückspiegel und so etwas gehört nun mal zu einem Straßenmotorrad und die fahren bekanntlich im öffentlichen Verkehr. 

Wer keine Ahnung hat, kommt niemals auf die Idee, was da so cool und lässig auf dem Seitenständer parkt. Mir persönlich gefällt das gut, auch die dezente Lackierung, das Bike wirkt auf den Betrachter überhaupt nicht aggressiv. Für manche mag der Showeffekt immens wichtig sein, mir ist der Wolf im Schafspelz lieber",
 
so Christianes erste Eindrücke über unseren Hauptdarsteller. 


                 
und mit Rückspiegel...."




...mit Blinker und Nummernschild...


Draufsetzen und losfahren

"Für meine 1.70 Meter Lebensgröße stimmt alles. Mit den Füßen komme ich bequem auf den Boden, beim Hin- und Herrangieren fülle ich mich absolut sicher und fürs Rückwärtsschieben braucht man auch nicht extra ins Bodybuilding-Studio zu gehen. Die rennsportliche Sitzposition mit den hinten liegenden Fußrasten und tiefen Stummellenkern mag ich ebenfalls. Man sitzt sehr weit vorne an den Stummellenkern, sozusagen Vorderrad bezogen, da kommt gleich echtes Racingfeeling auf", verrät unsere Testerin.



Welcher Laie würde der Kawasaki knapp 300 Sachen zutrauen?


Von Pseudo-sportlich kann auf der ZX-10R keine Rede sein




... so für 50 km/h in der Stadt


Richtig für 100+ über Land...


bei Topspeed auf der Bahn...


"Die Ninja ist ein kompromissloser Supersportler. Wer gemütlich cruisen oder mit Sack und Pack bis ans Ende der Welt fahren möchte, ist im falschen Film. Und was Sportlichkeit bedeutet, wird einem schnell klar. Ist man mit der 1000 R gemütlich oder im Stadtverkehr unterwegs, sind die Bauchmuskeln gefordert. Nur wer gut durchtrainiert ist, sitzt so locker auf dem Bike. Andernfalls lastet das Gewicht vom Oberkörper auf den Armen, man wird schnell schlapp und von feinfühliger Fahrzeugbeherrschung kann keine Rede mehr sein. Um so mehr beeindruckend ist es, mit welcher Laufruhe der Motor bereits ab Standgas und im niedrigen Drehzahlbereich die Fuhre vorwärts schiebt. Kein Ruckeln, kein Verschlucken, lammfromm schnurrt die Renner über den Asphalt. Man könnte fast meinen, man sitzt auf einer 600er. 
In freier Wildbahn auf verwinkelten Nebenstraßen und schnelleren Streckenabschnitten entlastet ab Tempo 100plus der Fahrtwind den Oberkörper. Jetzt ist alles im Lot. Die Hände umfassen sinnig die Lenkergriffe, je nach Lust und Laune werden die Kurven mit etwas Hanging-off  angepeilt. Zwischen den Windungen bringen Sprinteinlagen und gezieltes Anbremsen vor dem nächsten Knick eine unvorstellbare Dynamik in den Fahrfluss. Langweilig ist das bestimmt nicht, `wau´ geht die Kawa ab! Die klitzekleine Plexiglasscheibe der  Rennverkleidung bietet aber auch weiterhin kaum Windschutz, es zieht wie Hechtsuppe, ähnlich wie auf einem Naked-Bike mit Sportlenker. 
Richtig spannend wird es auf der Autobahn. Hier bekommt man einen Eindruck, was die Kawa-Techniker tatsächlich in das blitzsaubere Alu-Chassis gezaubert haben und mit etwas Phantasie lässt sich ausmalen, was Rossi & Co. bei ihren MotoGP-Rennen erleben. Um aber wirklich in diesen Genuss zu kommen, sollte man früh aufstehen.  Start um 5:30 Uhr. Die Pendler schlafen noch und die Trucker nehmen gerade ihr erstes Frühstück ein, die Bahn ist noch frei. Der Helm liegt fast auf dem Tank, viel kleiner machen geht nicht mehr, 250, 260, 270, die Kawa will noch schneller. Eine leichte Autobahn-Biegung, bei diesem Tempo wird sie urplötzlich zur Kurve. Gas weg, schon steht wieder 180 auf der Uhr. Dann Gas auf, 250, 260, 270, 280, einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig, vierundzwanzig, die Beschleunigung ist gigantisch - puh geht die ab... Nichts wackelt, wie ein Brett liegt der Renner bei diesem Tiefflug auf der Bahn. Selbst Fahrbahnabsätze bringen das Fahrwerk nicht aus der Ruhe, falls nötig, die Bremswirkung ist brachial. Doch Hand aufs Herz, ist das Motorrad fahren? Mal ausprobieren, wie das so ist bei 280, ist ja OK. Bei diesem Zahn wird die Sicht zum Tunnelblick, selbst die Leitplanken am Mittelstreifen nimmt man nicht mehr wahr. Kondition, Konzentration, Adrenalin, der Körper bebt, nicht nur für ein paar Sekunden, bei freier Fahrt ließe sich so kilometerweit brettern. Es ist ein einzigartiges Fahrerlebnis, vielleicht sogar ein Prefileg und man kann später mitreden, Fahrspaß ist dagegen etwas anders",
stellt Christiane beeindruckt, aber auch nachdenklich fest.



Eine Kurvenkombination wie auf der Isle of Man bei der "TT". 
Problemlos für 190 Sachen gut und für die ZX-10R ein Klacks, 
doch wer hängt nicht an seinem Führerschein?


"Echten Fahrspaß bieten wenig befahrene Land- und Bundesstraßen. Hier ist die ZX-10R dank geringen Gewichtes und tadellosem Handling voll in ihrem Element. Allerdings muss man sich ständig am Riemen reißen, damit die Pferde nicht mit einem durchgehen. Es ist eine gewaltige Herausforderung mit dem Bike zu fahren und gibt mir ein unbeschreibliches Kribbeln im Bauch. Die Ninja fordert ungeheuren Respekt und den habe ich auch vor ihr",
gibt Christiane unumwunden zu und lasst zum Abschluss ihres Ausfluges noch wissen: "Im Straßenverkehr muss man auf so viele Dinge achten, wer nicht wie ein Luchs aufpasst, wird schnell übersehen oder sonst was. Nur auf sich, das Bike und den Straßenverlauf konzentrieren und dabei fahren als gäbe es keinen anderen Morgen, wäre Selbstmord. Vielleicht sollte ich die ZX-10R doch mal auf einer Rennstrecke ausprobieren."


Christianes Fazit:
"Ein Bike, das ungeheuren Respekt verlangt" 



...vom Biker-Treff "Zündstoff" gleich auf die nächste Rennstrecke... 


Technische Daten
Kawasaki ZX-10R
Modelljahr 2005


Motor:

Flüssigkeitsgekühlter Vierzylinder-Viertakt-Reihenmotor, vier Ventile pro Zylinder, zwei obenliegende Nockenwellen, Leistung 128 kW (175 PS) bei 11.700/min, 
max. Leistung mit RamAir 135 kW (184 PS) bei 11.700/min, max. Drehmoment 112 Nm bei 7000/min.
Bohrung x Hub 76 x 55 mm, Hubraum 998 ccm, Verdichtung 12,7:1, digitales Motormanagement, elektronische Benzineinspritzung, Abgasreinigung KLEEN (Katalysator/KCA-System) Euro2. 
E-Starter, Sechsganggetriebe, Endantrieb über O-Ring-Kette

Fahrwerk:
Alu-Brückenrahmen. 43 mm Upside-down-Telegabel, voll einstellbar, Federweg 120 mm. Bottom-Link Uni-Trak-Schwinge mit Zentralfederbein, voll einstellbar, Federweg 125 mm. Bereifung vorn 120/70ZR17, hinten 190/50ZR17. 
Vorne Wave-Design-Doppelbremsscheibe Ø 300 mm, hinten Wave-Design-Scheibenbremse Ø 220 mm. 
Radstand 1385 mm, Sitzhöhe 825 mm. Tankinhalt 17 Liter. Gewicht vollgetankt 197 kg, zulässiges Gesamtgewicht 380 kg


Höchstgeschwindigkeit: 295 km/h

Preis:
12.995,00 Euro



...und Tschüss

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